Die niedersächsische Reedereiwirtschaft

Niedersächsische Reedereiwirtschaft

Die Insolvenz der siebtgrößten Reederei der Welt, der südkoreanischen Hanjin, und die Krise der dänischen Mærsk-Gruppe lenken den Blick ab von der prekären Situation der heimischen Reedereiwirtschaft. Laut Euler Hermes hat sich dort die Quote der Insolvenzen allein in diesem Jahr um 10 % gesteigert.

Neben Hamburg ist auch die mittelständisch geprägte niedersächsische Reedereiwirtschaft betroffen. Seit 2008 leidet sie im Zuge der Weltwirtschaftskrise unter der Problematik des Rückgangs des Frachtaufkommens, der Überkapazität an Schiffen und der dadurch gesunkenen Frachtraten. Als zweitgrößter Reedereistandort Deutschlands hat Niedersachsen seitdem einen überdurchschnittlichen Beschäftigungsabbau in dieser und den von ihr abhängigen Branchen zu verzeichnen. 5,22 weitere Arbeitsplätze werden von einem Arbeitsplatz in der Reedereiwirtschaft erzeugt. Insgesamt hängen deshalb geschätzt 24.300 Arbeitsplätze direkt und indirekt von der niedersächsischen Seewirtschaft ab. Die neun niedersächsischen Seehäfen haben ein Umschlagvolumen von rund 50 Millionen Tonnen pro Jahr. Mit 1.100 Schiffen und 120 Reedern spielt die Seewirtschaft eine wichtige wirtschaftliche Rolle im Bundesland.

 

Kein Zugang zum Kapitalmarkt

Die Finanzkraft der klein- und mittelständischen Unternehmen der Seewirtschaft ist sehr begrenzt. Umso härter trifft es sie, dass sich die klassischen Finanzierungen über Schifffahrtsbanken oder Fonds nicht mehr realisieren lassen. Der Transportfinanzierer DVB Bank erwartet, dieses Jahr mit roten Zahlen im zweistelligen Bereich abzuschließen. Auch die NordLB rechnet mit einem negativen Ergebnis, u.a. durch viele ausfallgefährdete Kredite. Die Banken ziehen es vor, Unternehmenszusammenschlüsse zu finanzieren, die höhere Kredit-Volumina in Anspruch nehmen.

Ein weiterer traditioneller Zweig des Kapitalmarkts für die Seewirtschaft ist weggebrochen. Privatanleger meiden nach diversen Insolvenzen Schifffahrtsfonds, nachdem sie sich im Zuge der Insolvenzverfahren mit der Rückforderung von Ausschüttungen bzw. Entnahmen konfrontiert sahen, statt saftige Renditen zu erwirtschaften.

Die kleineren und mittelgroßen Reedereien zehren ihr Kapital auf, weil sie mit hohen Fixkosten bei schlechter Auslastung zu kämpfen haben. Es ist eine Frage der Zeit, wie lange sich viele der traditionsreichen Reedereien noch halten können.

 

Die Kraft einer starken deutschen „Flagge“

Die Krise der Reedereiwirtschaft hat neben den Auswirkungen auf die abhängigen Branchen auch weitreichendere Folgen. 95 % des Welthandels wird heute auf dem Seeweg realisiert. Als Export orientierte Nation benötigt Deutschland optimale Transportwege. Eine starke deutsche „Flagge“ schafft Einfluss auf die Bedingungen, unter denen die Maritime Wirtschaft agiert. Umweltgesichtspunkte und bessere Arbeits- und Ausbildungsbedingungen des maritimen Personals lassen sich mit einer starken Position der Reedereiwirtschaft auch international leichter umsetzen. Niedersachsen ist stark in der Aus- und Weiterbildung sowie in Forschung und Entwicklung (z.B. Green Shipping und Digital Shipping) für die Seefahrt. Damit werden qualitative Maßstäbe im Wettbewerb gesetzt.

 

Perspektiven?

Durch die Insolvenz von Hanjin sind kurzfristig die Frachtraten gestiegen. Aber selbst das Wachstum des Welthandels und die damit verbundene bessere Auslastung wird die Krise wegen der Überkapazitäten nicht lösen können. Im europäischen Raum verstärkt sich der Wettbewerb, u.a. durch den verstärkten Einsatz von EU-Beihilfen für Strukturmaßnahmen. Hier stünden auch den niedersächsischen Reedern Mittel zur Verfügung, gäbe es entsprechende einheitliche Rahmenbedingungen. Generell besteht Handlungsbedarf, um die Kostenbelastung auf ein europäisches Niveau zu senken. Der Bund ist gefordert, z.B. durch einen Fond für Reeder den Zugang zum Kapitalmarkt zu ermöglichen und durch Förderprogramme für die Forschung Innovationen voranzutreiben. Die niedersächsische Reedereiwirtschaft muss unterstützt werden, damit sich dieser wichtige Wirtschaftszweig konsolidieren kann.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*